„Bitte lass mich nur einmal diese Woche trocken ins Bett gehen.“ Das war wohl mein größter Wunsch zu Beginn unseres Rennens von Panama durch die Karibik nach Washington.
Um es vorwegzunehmen: der Wunsch sollte unerfüllt bleiben.
Aber von vorne: zum Start auf der Atlantikseite von Panama war es ungewöhnlich windig, so dass wir hoch am Wind mit kräftiger Kränkung zu unserer Startlinie motorten. Die ersten Crewmitglieder bereuten schon hier, keine Mittel gegen Seekrankheit eingeworfen zu haben.
Nach dem Start unter Reff ging es am Wind weiter Richtung Norden, Richtung Karibik. Von nun an sollten wir in jeder Wache mindestens einen Platzregen erleben. Für gewöhnlich wenige Minuten vor Ende der Wache, also kurz vor Bettzeit. Es war zwar noch immer sehr heiß, trotzdem tragen wir Regenjacken und gehen trotzdem wieder und wieder klatschnass ins Bett.
Unter Deck ist Leben mit 45° Kränkung angesagt. In der Galley spannen wir Taue zum Langhangeln. Im Gang vor den Kojen schwingen einem nasse Klamotten fröhlich tropfend ins Gesicht. Die schlimmsten Verletzungen an Bord passieren übrigens nicht oben auf dem wellenüberspülten Vorschiff, sondern genau hier, unter Deck.
Unser Team kommt mit diesen Bedingungen bewundernswert gut klar. Schon nach wenigen Tagen liegen wir wieder deutlich in Führung. Bis wir zwischen die karibischen Inseln kommen und im Ausläufer eines Tiefdruckgebiets in ein anhaltendes Windloch geraten. Das gesamte Rennen wird hier neu gemischt.
In einer einzigen Nacht fallen wir vom ersten auf den vorletzten Platz zurück. Wir hängen mit 0,5 Knoten Bootsgeschwindigkeit in einem privaten Windloch fest, während östlich und westlich von uns die Gegner mit 8-9 Knoten davon ziehen. Als ich morgens zum Küchendienst aufwache, blicke ich nicht wie sonst in grinsende Gesichter, sondern sehr ernste Mienen. Unser First Mate, einer der zwei Profisegler an Bord, hat keinen Frühstückshunger. Das soll was heißen!
Beim Mittags Meeting gibt es motivierende Worte vom Skipper: wir mögen zwar auf dem vorletzten Platz, liegen, doch vom Zweiten trennen uns nur 5-6 Meilen. Das ist machbar. Vor allem, da wir inzwischen die Gennaker wieder ausgepackt haben. Der Wind hat gedreht, wir können unsere Stärke wieder ausspielen.
Über die nächsten zwei Tage arbeiten wir uns wieder auf den vierten Platz vor, dann eine vierstündige Nachtwache, die mir enorm viel Hoffnung bringt. Wir sind konstant schneller als die Konkurrenz, schaffen es auf den dritten Platz, den zweiten fast in Sichtweite. Ich denke: wenn ich das nächste Mal aufwache, sind wir auf Platz 2 und jagen den Führenden. 4 Stunden später, gerade aufgewacht, Ernüchterung. Seattle, das führende Boot, ist 12,5 Seemeilen voraus. Ist das noch aufzuholen, etwa 40 Meilen vor der Ziellinie?
Ich beende meine Wache, lege mich schlafen, stehe 5 Stunden später wieder auf und spüre sofort die Anspannung an Deck. Backbord achteraus, weniger als eine Seemeile entfernt, fliegt der dritte, Tongyeong, heran. Sie schaffen es irgendwie konstant, 1/2 Meile schneller zu segeln als wir. Jetzt ist vollste Konzentration angesagt. Es sind noch 20 Meilen bis zur Ziellinie. Können wir unseren zweiten Platz halten? Ich werde ans Steuer eingewechselt, unter Gennaker ein Windwinkel von 80°. Nicht 75, sonst kollabiert der Spinaker. Nicht 85 oder 90, sonst verlieren wir Geschwindigkeit. Schon nach 20 Minuten bin ich schweißgebadet. Nach meiner Stunde am Steuer ist der Abstand zum dritten weiter konstant und wir halten ihre Geschwindigkeit.
Jetzt übernimmt meine Mitseglerin Aoife. Sie ist Nordirin, wohl die beste Steuerfrau, die wir haben. Meine Augen sind fort an nicht mehr nach vorn, sondern auf den Gegner gerichtet. Da taucht plötzlich an Backbord am Horizont ein Schiff auf – der Blick aufs AIS verrät uns: das ist Seattle, das bisher führende Boot. Sie mussten halten und tief gehen, weil sie sonst die Ziellinie nicht erreicht hätten. Uns ist klar: ab jetzt ist es ein Dreikampf um den Sieg.
Tatsächlich haben wir den besten Winkel zur Ziellinie. Tongyeong geht tief, der Gennaker wird instabil sie verlieren enorm Geschwindigkeit. Unser Vorsprung wächst. Es wird klar: alle drei Boote müssen noch einmal halsen. Als erstes legt Seattle um, wir beobachten ihren Winkel. Es ist klar: dies ist die wichtigste Halse des Rennens. Wir legen um, wollen gerade den Gennaker halsen, doch die Tackline verfängt sich am Bugspriet. War es das nun? Nein! Das Missgeschick kostet uns nicht mehr als 40 Sekunden. Am Ende gehen wir 5 Minuten vor dem Zweiten über die Linie. Nach zwei Wochen Regatta entscheiden 5 Minuten.
Für uns bedeutet das erneut zehn Punkte – und wie uns der Race Manager am Ziel in Washington verkündet: ein so gut wie sicherer Gesamtsieg! Kein anderes Boot kann uns in der Gesamtwertung mehr einholen, wenn wir nicht außergewöhnlich viele Strafpunkte kassieren. Dafür müssten uns schon alle Segel auf dem Atlantik verloren gehen, oder das Schiff. Noch trauen wir uns nicht zu feiern. Doch dieser Vorsprung gibt uns für den großen Sprung über den Atlantik enorm viel Freiheit. Nun können wir die riskanten taktischen Entscheidungen treffen, nun können wir den Weg gehen, den kein anderer wagt. In wenigen Stunden geht es los über den großen Teich. Ziel: Oban in Schottland.
