Havel-Klassik 2017 – Libra

Havel-Klassik 2017 – Libra

Bericht zur Havel-Klassik 2017, 24.Juni, 10:30 Uhr

von Josef Vilser, Fotos Sebastian Johnke

Wetter: bewölkter Himmel, Windvorhersage: W, 4 – 6 Bf. Tatsächlich gab es leider weniger Wind mit geschlossener Wolkendecke. Erst am Nachmittag riss es etwas auf – bei Temperaturen um die 20° C. Dazu passte mal wieder der olle Stones-Hit: „You can’t always get, what you want!“

Die diesjährige Havel-Klassik begann etwas unruhig, denn der Graureiher der Wasserschutzpolizei kam während der Startvorbereitung ins Startfeld und führte mit der Wettfahrtleitung eine ernsthafte Diskussion über teilnehmende Schiffe, die keine Kennzeichen hatten und dass angeblich Weinflaschen auf einigen Schiffen schon vor den Start unter der Crew kreisten. Alkohol an der Pinne – was ist das?

Naja, das Etikett darf man sich doch anschauen, oder?

Die Obrigkeit nimmt anscheinend ihre Aufgabe ernst (an sich ja eine gute Sache) und macht selbst vor Traditionalisten auf dem Wasser keinen Halt und zeigt Präsenz (nicht ganz zum passenden Zeitpunkt) – hat das vielleicht mit der aktuellen Sicherheitslage in der Stadt und im Land etwas zu tun?

Nach dieser Startverschiebung konnten sich die rund 80 Teilnehmer dieser Regatta wieder ihrem Hauptanliegen widmen, dem Segeln mit traditionellen Schiffen.

Drei der schönsten Schiffe der SVH, die Pinguin, die Islay und die Libra nahmen an der Havel-Klassik teil und traten auch noch in der gleichen Startgruppe an.

(Anm. der Red.: Andere Eigner haben auch schöne Schiffe.) 😉

Der Verlauf dieser Wettfahrt: vor dem Start hatten wir guten Wind und alle Teilnehmer legten sich ihre Taktik zurecht. Manche Schärenkreuzergeschosse lauerten in der Landabdeckung unweit des Startschiffs, um exakt drei Minuten vor dem Start ihre monströse Genua hervor zu zuppeln und punktgenau über die Ziellinie zu flöten.

Gekonnt, gekonnt.

Wenn ein Feld von über 80 Booten die Startlinie auf und ab, auf den Startschuss wartend, hin und her düst, ist das ein bisserl so wie Haifische, die ihre Beute umkreisen.

Beeindruckend, furchterregend 😉 und leicht „unentspannt“. Aber machbar.

Als es dann so weit war, schlief der Wind für den Moment ein (kennt man ja!) und die Teilnehmer schoben sich so nach und nach über die Startlinie. Die, die „oben“ gestartet sind, hatten die besseren Bedingungen, die „unteren“ mussten einen Holeschlag einlegen. Am Anfang waren wir mit unserer Entscheidung „oben“ zufahren, gut dabei. Erst am Großen Fenster kam etwas mehr Wind auf und regulierte das Feld neu.

Gleichzeitig stattfindende Regatten andere Vereine mischten das Feld auch auf, von der üblichen Berufsschifffahrt ganz zu schweigen. Da blieb man schon mal in den Engen der Pfaueninseldurchfahrt oder auf dem Weg zum Jungfernsee auf Höhe Moorlake hängen und konnte einem dreifachen Schubverband zuwinken.

Bei uns auf dem Schiff war immer etwas los, Ausschau halten, was machen die Gegner (ahnt man nur!), was macht der Wind (das, was er will!), wie positioniert man sich (…und warum?), wann die Wende (…oder lieber noch warten?).

Bei dieser Arbeit mit den Wenden wurde das schon vor der Regatta etwas marode Scharnier vom Deckel der Steuerbord-Backskiste der Libra so stark beansprucht, dass die Schrauben ausrissen und der Deckel somit lose war. Früher hieß so etwas: „Da fliegt einem doch das Blech weg!“.

Wir hatten somit ein „kleines Problem“ an Bord, das unsere Bewegungsfreiheit auf dem Schiff etwas einschränkte. Es lohnt sich wirklich, vor einer Regatta das gesamte Schiff noch mal durchzuchecken und auch kleinere Schäden, sobald man sie feststellt, zu beheben.
Das gleich gilt natürlich für die Crew…Blutdruck unter Belastung und Schwindelfestigkeit, Blasenstand und Hungergefühl…

Bei meiner Crew wurde der Fotograf Dirk bei seiner Arbeit öfter unterbrochen, als wieder „vollkommen unerwartet“ das Kommando „Alles klar zur Wende?“ kam. Regattasegeln und Fotografieren ist schon ein „Drahtseilakt“ für alle auf dem Schiff. Als Skipper war ich sicher etwas nervig mit meinen Kommandos „Dicht holen! – Fieren!“ etc.

An der besagten Engstelle der Pfaueninsel kamen uns bei unserer Fahrt zur Wendemarke im Jungfernsee schon die ersten schnellen Schiffe auf dem „gemütlichen“ Vorwindkurs zurück ins Ziel entgegen. Viele davon breit und in allen Farben grinsend unter Spinnaker!

Als wir dann endlich durch alle Nadelöhre durch waren und die Wendetonne mit dem Markboot im Jungfernsee in Sicht hatten, war das schon eine Erleichterung und zudem ein Ansporn auf die knapp vor uns liegenden Schiffe Boden (äh Wasser) gut zu machen. Erst als wir die Tonne rundeten, kam etwas Ruhe ins Schiff – aber mehr Aufmerksamkeit war gefordert – böiger Wind von Backbord.

Die einen haben einen Spinnaker, die anderen (z.B. mein Folkeboot) das Stöckchen, das zum Einsatz kommt, um die Fock schön weit zu öffnen. Das Komplizierte dabei ist, man sollte sich auf dem Schiff sicher bewegen können. Es ist eine Herausforderung für den, der das Stöckchen bedient: Wie einhängen? Wie positionieren? Wie ist die Schotenführung im Cockpit?

Kurz, wir haben es geschafft unser Stöckchen zu setzen und konnten mit diesem Manöver Schiffe auf- und einholen. Dann musste das Stöckchen wieder geborgen werden, was bei uns auf dem Schiff etwas komplizierter war und wir mehr mit unserem Missgeschick zu tun hatten, als mit dem Gegner, der dadurch einen kleinen Vorteil hatte. Zumal der ausgemachte direkte Gegner auch ein Folkeboot war.

Das Schöne bei dieser Wettfahrt: bis zur Ziellinie war es ein Kampf um die Führung. Nachlassen war keine Option! Aber wann ist es das schon?

Zum Nachteil meiner Crew, die dann mein permanentes Zuppeln an den Leinen erdulden musste, und für sie oft nicht nachvollziehbare Angaben vom mir erhielten. Erschwerend kam hinzu, dass auf der Zielfahrt starke Böen einfielen, die das Schiff immer wieder in Lage brachten.

Leider habe ich zum Schluss den Kürzeren gezogen und das Folkeboot Thisbe ging 26 Sekunden vor uns über die Ziellinie. Mein Fehler, ich hätte Thisbe – in Führung liegend – nicht so leicht überholen lassen dürfen. Den sonst üblichen bayuvarischen Einsatz meines ferngesteuerten Unterwassertorpedos (auch liebevoll die Unterwasserweißwurst genannt) habe ich mir diesmal gespart. 😊

Fazit aus dieser Wettfahrt: die Obrigkeit zeigte Präsenz mit fragwürdigen, zu dieser Zeit einfach unpassenden Aktionen. Ein Schiff (und Crew) sollte vor einer Regatta gründlich durchgecheckt werden, damit alles bewegliche Sitz und Halt hat. Eine Regatta mit alten Schiffen war in diesem Jahr wegen des guten Windes keine Kaffeefahrt, sondern eine sportliche Herausforderung.

Vielen Dank an meine Crew, Griselda und Dirk, dass sie mich stillschweigend ertragen haben. Übrigens das älteste teilnehmende Schiff dieser größten historischen Regatta Europas (!) hatte 100 Jahre auf dem Kiel.