Manche beschreiben den Atlantik als „großen Teich“. Das wird ihm nicht gerecht – auch wenn uns dieses schier endlose Wasser in den vergangenen Wochen sehr wohlgesonnen war.
Die Atlantiküberquerung war ein wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Motivator für meine Bewerbung beim Clipper Race around the world. Anders als viele Cruiser führte uns die Strecke von Washington DC nach Oban in Schottland, also von West nach Ost und über den Nordatlantik. Wir sollten ungefähr in der Region segeln, in der vor mehr als 100 Jahren die Titanic einen Eisberg rammte und sank. So weit im Norden ziehen regelmäßig Tiefdruckgebiete ostwärts. Unsere Hoffnung war, diese gegen den Uhrzeigersinn drehenden Tiefs in ihren südlichen Ausläufern zu erwischen, so dass wir mit kräftigen Winden raumschots unter Gennaker surfen können.
Tatsächlich kam es genau so. Nach einem etwas schwachwindigen Start vor der US-Küste sprangen wir schnell auf das erste Tief auf. 30 Knoten Wind, halbwind bis raumschots, das bringt selbst die schweren Clipper70 ziemlich gut in Fahrt. Dazu ein paar nette Wellen von hinten und schon geht’s richtig ab. 16-20 Knoten Bootsgeschwindigkeit keine Seltenheit, auch 24 Knoten wurden kurz vermerkt.
Gleichzeitig treiben uns die Wellen teils 20-30 Grad weg von unserem idealen Kurs, am Steuer fühlt man sich permanent kurz vor der Patenthalse. Extreme Aufmerksamkeit und gutes Bootsgefühl sind gefragt, vor allem nachts, wenn man im ganzen Körper fühlt, wie die Wellen das Schiff anheben.
Nach dem Tief kommt … natürlich das Hoch. In unserem Fall das Azorenhoch, das in diesem Juni/Juli ungewöhnlich weit nördlich saß. Für uns die ideale Gelegenheit, Strecke nach Norden zu machen – denn bislang waren wir deutlich südlich der von Clipper ausgeschriebenen Eisberg-Grenze geblieben. Weiter im Norden ist die Strecke wegen der Erdkrümmung aber kürzer – und unser Ziel Schottland lag ohnehin deutlich nördlich. Hochdruckgebiete drehen sich im Uhrzeigersinn, weshalb wir diesmal die nördlichen Ausläufer anpeilten und weiter raumschots unter Gennaker surften.
Das Hoch brachte grauen Himmel und feuchte Luft, aber abgesehen davon weiter traumhafte Segelbedingungen. So gut, dass wir viel zu schnell waren. Spontan brummte uns das Race Management 120 Extrameilen auf, eine kleine Kursverlängerung, die unsere Ankunft um einen halben Tag verzögerte. Das sorgte leider auch dafür, dass wir die letzten 10 Stunden vor dem Zieleinlauf in einem Windloch landeten und statt der gewohnten 12 nur noch mit 4-5 Knoten unterwegs waren.
Unseren komfortablen Sieg konnte das aber nicht gefährden. Team Gosh segelte erneut als Erster über die Linie – und bewies, dass es zurecht in der Gesamtwertung uneinholbar vorne liegt. Zu den 10 Punkten für den Etappensieg kommen 3 für den ersten Platz am Scoring Gate. Auf der finalen Etappe nach Portsmouth können sich Skipper und First Mate nun etwas zurückhalten und den erfahrenen Crewmitgliedern das Kommando übergeben.
Ein letztes Rennen, 5-6 Tage auf See von Schottland rund Irland in den englischen Kanal. Eine letzte Chance auf den begehrten goldenen Siegerwimpel. Ein letzter Küchendienst, die letzten Segelwechsel auf dem Bug, die letzten Wellenduschen, die letzten Stunden am Steuer. Dann stehen wir in Portsmouth auf der Bühne, Pokal in der Hand – und Team Gosh ist Geschichte. Machen wir das Beste draus!
